Tobias Altripp im Interview: über Jazz, Improvisation und Musik im richtigen Moment.
Pianist, Komponist und Arrangeur Tobias Altripp spricht über seinen Weg zum Berufsmusiker, seine Begeisterung für Jazz und Improvisation, die besondere Aufgabe von Musik auf Firmenveranstaltungen und sein Album „Could These Eyes Play Wrong Notes?“.
Tobias Altripp...
...ist Berufsmusiker und vor allem am Klavier zu Hause – gelegentlich ist er auch an der Hammond-Orgel zu hören. Musikalisch bewegt er sich zwischen Jazz, Swing, Soul und Blues und arbeitet neben seiner Tätigkeit als Instrumentalist auch als Komponist und Arrangeur. Zwischen Eventgigs und konzertanten Auftritten macht er persönlich keinen grundsätzlichen Unterschied: Wo die Musik geschätzt wird und gefragt ist, spielt er gerne.
Bei myband.de ist Tobias unter anderem bei den Square City Stompers, JazzCafé Premium und Jazzpresso zu hören. Außerdem ist er als Solopianist Teil des Portfolios. Im Interview erzählt er, warum sein Berufswunsch erstaunlich früh feststand, was Jazz für ihn mit einem Sandkasten gemeinsam hat und warum gute Musik bei einer Firmenveranstaltung manchmal gerade dann funktioniert, wenn sie sich nicht selbst in den Vordergrund stellt.
1. Wie bist du eigentlich zur Musik und zu deinem Instrument gekommen? Gab es dafür einen bestimmten Moment oder hat dich Musik schon immer begleitet?
Angefangen habe ich schon sehr früh. In meinem Elternhaus stand ein Klavier im Wohnzimmer, das von meiner Mutter auch viel genutzt wurde. Meine Begeisterung für dieses Instrument war von Anfang an geweckt. Den ersten richtigen Klavierunterricht erhielt ich mit fünf Jahren. Seitdem bin ich ununterbrochen dabei.
Der Wunsch, Berufsmusiker zu werden, muss in etwa genauso alt sein. Zumindest habe ich neulich auf einem Arbeitsblatt aus meiner Grundschulzeit meinen damaligen Berufswunsch gefunden – es war der Beruf des Musikers.
Dass das tatsächlich realisierbar sein könnte, bestätigte sich dann als Teenager. Über Unterricht, Workshops und Förderprogramme kam ich mit vielen Berufsmusiker:innen in Kontakt, von denen ich erfuhr, wie der Weg in das Leben der professionellen Musik funktionieren kann.
Es gibt zwei Aufnahmen, die definitiv ausschlaggebend waren und mich als Kind von Kopf bis Fuß begeistert haben:
„Good Golly Miss Molly“ in der Version von Little Richard. Was für eine Energie! Dass man das Klavier auch so klingen lassen kann, war mir damals als Kind komplett neu. Und „Le Petite Mambo“ von Billy Taylor. Ein swingendes Feuerwerk der Lebensfreude!
2. Wie sah dein bisheriger musikalischer Weg aus und was davon war für dich besonders prägend?
Das Klavierspiel hat mich zwar schon von früh auf begeistert, allerdings wäre ich ziemlich sicher kein klassischer Pianist geworden. Meine Begeisterung galt von Anfang an dem Jazz und damit verwandter Musik oder; etwas umfassender formuliert: der Musik, die der afroamerikanischen Kultur entstammt. Diese Musik hat mir den Schub gegeben, mich so intensiv mit dem Klavier zu beschäftigen, dass es zum Musikstudium und einer Laufbahn getaugt hat. Es wäre sicherlich auch nicht so weit gekommen, wenn ich im Zuge meiner Ausbildung nicht viele verschiedene Lehrer:innen gehabt hätte, von denen ich viel lernen konnte.
Einen weiteren Motivationsschub gab mir als Teenager die Erkenntnis, dass ich die Begeisterung für diese Musik mit Gleichaltrigen teilen konnte. Diese Erkenntnis kam durch die mehrfache Teilnahme am Kidsjazz Festival in Leipzig, die Landes- und Bundesbegegnung Jugend jazzt und nicht zuletzt durch die Mitgliedschaft im Landesjugendjazzorchester Mecklenburg-Vorpommern. Ohne die Bekräftigung durch die Menschen, die ich dort getroffen habe, hätte ich den Berufsweg des Musikers wohl nicht eingeschlagen.
2014 war ich mit einer Gruppe aus Freundinnen und Freunden auf dem Elbjazz Festival in Hamburg. Sieben Teenager, alle von oben bis unten begeistert von Jazz, ohne erwachsene Begleitung auf einem so großen und überwältigenden Festival wie dem Elbjazz. Es war der Hammer und definitiv prägend!
3. In welchen Bands und musikalischen Projekten bist du aktuell unterwegs?
Meine aktuellen Hauptprojekte, also jene, in denen ich eine leitende Funktion innehabe, sind einerseits mein heißgeliebtes Trio, das nach reiflicher Überlegung doch nur den jazztypischen, aber unkreativen Namen „Tobias Altripp Trio“ trägt, und andererseits die Neo-Swing-Band Square City Stompers aus der Quadratestadt Mannheim.
Außerdem habe ich bei myband.de die Freude, für die musikalische Leitung der Bands JazzCafé – Premium und Jazzpresso zuständig zu sein.
Zudem bin ich hin und wieder im Duo mit dem Berliner Trompeter Gabriel Rosenbach unterwegs.
Darüber hinaus leite ich in der Hansestadt Stralsund gemeinsam mit dem Bassisten und Musikwissenschaftler Sebastian Braun eine Konzertreihe mit dem Titel „Quartalsjazz“.
Hin und wieder begleite ich außerdem private wie öffentliche Veranstaltungen also Solopianist mit Jazz im Barpiano-Stil.
4. Was gefällt dir dabei besonders?
Die Tätigkeit als Musiker ist sehr abwechslungsreich und das schätze ich besonders. Man kommt viel herum und lernt – fast schon nebenbei – verschiedenste Orte kennen. Man ist ständig unter Menschen. Auch die Kolleginnen und Kollegen, mit denen man arbeitet, wechseln fast täglich. Auch die Musik wechselt oft und stellt einen vor neue Herausforderungen. Dadurch wächst man.
Der improvisatorische Anteil im Jazz spielt dabei eine besondere Rolle. Ich nenne das gerne die „Gamification“ der Musik. Es wird dir ein Grundgerüst gegeben und daraus baust du mit musikalischen Bausteinen etwas – fast wie Lego oder ein Sandkasten. Ich persönlich habe eine echt große „soziale Batterie“ und weiß das direkte Zusammensein und Zusammenarbeiten mit vielen Menschen vor, hinter und auf der Bühne sehr zu schätzen.
5. Was macht dir bei Firmenveranstaltungen besonders viel Spaß?
Bei Firmenfeiern kommt es sehr auf die richtige Atmosphäre an. Ohne Musik kann es schnell trist werden. Mit der falschen Musik kann es anstrengend oder sogar unangenehm werden. Wer eine Firmenfeier plant und eine Band bucht, weiß, dass – genau wie das Essen – die Musik ein wichtiger Baustein für die Feier ist. Aber dieser Baustein muss genau in die Form der Feier passen. In der Vorbereitung und beim Spielen den mitgebrachten Baustein so zu feilen, dass er sich genau in die Feier einpasst, ist immer wieder eine schöne Herausforderung.
Wenn man ein Konzert spielt, bereitet man etwas vor und weiß: Das Publikum ist da, um zu hören, was genau man vorbereitet hat. Und dann spielt man auch, was man vorbereitet hat. Auf Firmenfeiern bereitet man ebenfalls etwas vor, liest aber während des Spielens immer den Raum und passt das Vorbereitete gegebenenfalls an.
Es findet die ganze Zeit eine Kommunikation zwischen Zuhörenden und Musizierenden statt, von der die Zuhörenden vielleicht nicht aktiv Notiz nehmen. Aber es fällt ihnen auf, wenn die Band ihr eigenes Spiel nicht in den Vordergrund stellt. Wenn genau dieser Punkt im Feedback hinterher positiv hervorgehoben wird, ist das Ziel erreicht.

Tobias ist nicht nur live auf unterschiedlichsten Bühnen unterwegs. Auch als Komponist und Studiomusiker arbeitet er an eigenen Projekten. In diesem Jahr hat er mit seinem Trio das Album „Could These Eyes Play Wrong Notes?“ veröffentlicht – das dritte Studioalbum des Tobias Altripp Trios. Darin beschäftigt er sich musikalisch auch mit einer Frage, die viele professionelle Musiker kennen: Wie viel Perfektion braucht Musik eigentlich und wie geht man mit den eigenen Ansprüchen um?
6. Was steckt hinter dem Projekt und was bedeutet dir dieses Album persönlich?
Die Philosophie des Jazz steht immer im Konflikt mit dem Phänomen des Perfektionismus. Man kann noch so viel vorbereiten; am Ende kommt das auf die Platte, wozu das Gehirn in jeder Millisekunde des Spielens bereit war, es durch die Finger ins Klavier zu schicken.
Ich persönlich bin da ziemlich perfektionistisch und schwer durch mein Spiel zufriedenzustellen. Ich sage jetzt natürlich aus Prinzip nicht, wo genau, aber auch auf diesem Album höre ich ein paar Ecken und Kanten. Der Titel des Albums ist daher eine selbstironische Hommage an das Imposter-Phänomen, das viele Kolleginnen und Kollegen im Jazz plagt.
Wir haben so viele unzählige Stunden damit verbracht, beim Üben unsere Fehler zu suchen, zu finden und auszumerzen, dass wir überkritisch mit unserem eigenen Spiel geworden sind – um ein Vielfaches kritischer noch, als das Publikum in der Regel ist. Darüber gilt es (auf der Bühne) hinwegzukommen und ein gewisses Pokerface ist in den Momenten, in denen dieses Syndrom kickt, definitiv Teil der Bewältigungsstrategie.
7. Gibt es etwas an diesem Album, das musikalisch eine neue Seite von dir zeigt?
Ich würde sagen, es ist „aufgeräumter“ als die zwei vorherigen Alben. Während ich mir bei meinen beiden Alben davor teils große Mühe gegeben habe, virtuos und modern zu klingen, habe ich mich beim dritten Album sehr auf das Wesentliche besonnen. Manche nennen es salopp den „No-Bullshit-Filter“.
Dahinter steht die Überzeugung, dass Musik dem Hörer schlüssiger, klarer und am Ende auch ästhetischer erscheint, wenn die Töne durchweg ganz bewusst gewählt sind. Dafür gilt es, sich zu zügeln, wenn beim Improvisieren mal der innere Gaul mit einem durchgeht und – ähnlich wie beim Reden – sich für eine Millisekunde vor dem Spielen zu überlegen: „Ist dieser Ton, diese Melodie das, was die Musik gerade braucht?“
Dieser Gedankengang läuft irgendwann bestenfalls unterbewusst und filtert so Material heraus, bei dem die eigene, egozentrische Verwirklichung in diesem Moment über den Wohlklang der Musik gestellt würde.
Richtig flüssig funktioniert das Ganze natürlich nur, wenn durch ausreichend Übung die Finger genau wissen, wo sie hinmüssen, um diesen Wohlklang zu erzeugen.
8. Und als abschließende Frage: Was macht für dich das Team und die Zusammenarbeit bei myband.de besonders?
Das Team von myband.de ist jung, voller Tatendrang und von Kopf bis Fuß ins Musikmachen verliebt.
myband.de bündelt den Tatendrang und das Talent verschiedener junger, aber gleichwohl erfahrener Musikerinnen und Musiker und kann dadurch etwas anbieten, wonach viele für ihr Event suchen: eine Band, die genau versteht und gleichzeitig abgöttisch liebt, was sie tut.
Interview und Redaktion: Robert Pfankuchen